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Ist Umweltmedizin heute nicht mehr nötig?

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Dr. med. Peter Germann betreibt eine Privatpraxis in Worms am Rhein. Schwerpunkte sind die hausärztliche Tätigkeit, Umweltmedizin und Homöopathie. Schwermetallbelastungen und Entgiftungsmaßnahmen gehören in seiner Praxis zum Alltag, wie er im Interview mit Ruth Auschra berichtet.

Herr Dr. Germann, wenn ich mich richtig erinnere, wurde in den 80er-Jahren viel über Umweltmedizin diskutiert. Heute ist das anders. Ich höre jedenfalls nur höchst selten, dass sich ein Umweltmediziner öffentlich zu Wort meldet. Stimmt das? Und wenn ja, woran liegt das Ihrer Ansicht nach? Haben sich die umweltmedizinischen Probleme vielleicht in Luft aufgelöst?

Dr. Germann: Umweltmedizin kam erst Anfang der 90er Jahre nach Deutschland. Die zehn Jahre davor kann man als Aufwärmung bezeichnen. Ich persönlich habe die Gründung der IGUMED in Freiburg und Heidelberg miterlebt, aber der Ökologische Ärztebund war der erste seiner Art, worin Ärzte ihre Sorge und Ihr Engagement hineinlegten. Die Umweltmedizinische Ausbildung begann in Schleswig-Holstein und dann in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. In Deutschland schlossen mehr als 3000 Ärzte die Ausbildung ab, wobei auch Ärzte aus den Behörden und teilweise aus der Industrie teilnahmen.

 

Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren…

Dr. Germann: Mit Ex-Kanzler Schröder und der ersten Finanzkrise kippte im Jahr 2001 erstmals für uns spürbar das Interesse an Umweltmedizin, zumal auch die Zusatzbezeichnung für Ärzte quasi verlorenging. Man baute so hohe Hürden auf, dass es kein Arzt in der Praxis mehr machen konnte. Außerdem sank das Interesse der Menschen. Die Währung wurde auf Euro umgestellt und die Menschen hatten weniger Geld, ihre Sorgen waren fast nur noch finanzieller Natur. Gleichzeitig wurden die Luft und das Wasser besser und die Skandale der 80er und 90er Jahre waren vergessen. Heute haben junge Mediziner überhaupt kein Bewusstsein mehr für die Umwelt. Wichtig ist das Thema trotzdem; für Betroffene und auch für die, die meinen, sie hätten eine Umweltkrankheit.

 

Sie haben ein Buch über „Risikobeurteilung von Umweltbelastungen“ geschrieben. Wo sehen Sie persönlich denn die größten Risiken?

Dr. Germann: Das größte Risiko in meiner Praxis sind Schwermetallbelastungen und Schimmel, weniger die früher häufige Innenraum- und PCB Belastung. Im „normalen“ Leben sind die größten Risiken die Schadstoffe der Außenluft, die Feinstäube und der Lärm. Das Risiko der Chemikalien insgesamt ist sozusagen so schlimm wie das mit dem Zigarettenrauchen. Es wird als normal hingenommen. Der entscheidende Punkt ist, ob ich mir selbst aktiv schade oder ob ich durch allgemeine Belastungen krank gemacht werde. Wenn ich zum Beispiel Auto fahre, rauche, zu Hause Chemikalien benutze, Lärm mache und eine Schimmelwohnung habe, dann empfinde ich es nicht als schlimm. Kritisch werden die Menschen, wenn andere den Lärm machen, Spritzmittel benutzen oder Abgase des Kamins rüber wehen lassen. Hier ist eine Trennung kaum möglich. Aber Lärm, Abgase, Feinstäube, Industriemüll, Radioaktivität etc. sind gesellschaftliche Aspekte, die eine große Zahl von Menschen belasten, also sollte hier politisch angesetzt werden. Das ist auch bei dem Zigarettenrauch und dem Asbest gelungen, allerdings erst nach Jahrzehnten. Man braucht also einen langen und gesunden Atem, wenn man gegen diese Umweltbelastungen vorgehen will!

 

Angenommen, ein Patient kommt mit typischen Beschwerden in Ihre Praxis, die Sie an eine umweltmedizinische Belastung denken lassen. Und stellen wir uns vor, er kann die Ursache nicht verändern, kann sich einen Umzug oder was auch immer sinnvoll wäre nicht leisten. Was würden Sie ihm raten, um sein Risiko zu minimieren oder sein Wohlbefinden zu verbessern?

Dr. Germann: Ich sehe den Patienten quasi ganzheitlich in seiner Situation und versuche, die Aspekte der Gesundheit und der Lebensführung mit den Einflussfaktoren zusammenzubringen. Deshalb kann ich nicht immer die absolut richtig erscheinende Therapie und Vorgehensweise vorschlagen, sondern gemäß den individuellen Bedingungen die bestmögliche Behandlung angehen. Hier finden sich immer Ansatzpunkte, die jeder Patient annehmen kann oder auch nicht. Auf jeden Fall finden sich bei jedem Patienten oder jeder Familie immer irgendwelche Möglichkeiten, die zur Gesundwerdung bzw. zum Abwenden von Belastungen beitragen.

 

Körperliche Belastungen äußern sich ja häufig im Verdauungstrakt. Sie haben in einem Vortrag geäußert, dass Gas im Bauch Nebel im Gehirn ist. Blähungen sind also nichts Harmloses. Was empfehlen Sie gegen den typischen Blähbauch?

Dr. Germann: Das Einfachste ist, die Ernährung zu verändern. Je nach Typ kann man Brot- und Backprodukte weglassen, Kuhmilchprodukte weglassen oder auch Schokoladenprodukte. Schon nach einer Woche sieht man, dass es besser wird. Zur Unterstützung gebe ich Meteozym oder alleine Enzyme wie Regazym oder Sab Simplex. Auf die Dauer bestimmte Darmbakterien, je nach Testergebnis oder auch Iberogast oder andere pflanzliche Stoffe.

 

Nehmen wir das Beispiel Schwermetallbelastungen oder Feinstaub. Vermutlich wird es bei vielen Patienten sinnvoll sein, für eine (verbesserte) Entgiftung zu sorgen. Was für Maßnahmen gehören bei Ihnen dazu?

Dr. Germann: Man muss da unterscheiden. Von der Schädlichkeit her ist beides für mich gleichwertig. Beides wirkt dauernd ein und ist schwerwiegend im Effekt. Aber Feinstäube sind akuterer Natur, während Schwermetall eher unterschwellig schleichend belasten.

 

Und wie entgiften Sie?

Dr. Germann: Das ist individuell unterschiedlich. Metalle leite ich hart mit DMPS aus, weich mit Spirulina, Bärlauch und manchmal mit Coriander, ganz vorsichtig mit homöopathischen Mitteln. Bei den Feinstäuben richtet sich die Therapie nach den Beschwerden, weil es Leute gibt, die mehr auf der Haut, mit der Lunge oder mit Herz-Kreislauf-Problemen oder sogar überall reagieren. Feinstäuben kann man besser ausweichen als Schwermetallen, die über Jahrzehnte angesammelt wurden, während bei Feinstäuben eine Überempfindlichkeit entsteht. Da muss man sehr individuell behandeln. Die Möglichkeiten reichen von Cortison bis zu Homöopathika – und alles, was es dazwischen gibt.

 

In Ihrem Buch finde ich zahlreiche aktuelle Studien zu den Zusammenhängen von ganz alltäglichen Giften und Krankheiten. Ich stelle mir vor, dass eine Absicht Ihres Buchs darin besteht, den Leser mit Fakten zu konfrontieren, die ihn wachrütteln. Stimmt das?

Dr. Germann: Zunächst möchte ich die Fakten darlegen, neugierig machen auf mehr. Aber die meisten Patienten reagieren eher so, dass man nichts mehr essen oder einatmen darf, so schlimm, wie das alles sein soll. Zweitens sollen diese Informationen tatsächlich dazu beitragen, das eigene Verhalten zu ändern, also doch etwas wachrütteln. Ich denke, dass nur dann eine „nachhaltige“ Änderung erreicht wird, wenn man etwas einsieht und dann Vorschläge erhält, wie es realistisch umzusetzen ist. Dabei ist Konsumverzicht in breitester Anwendung sicher am leichtesten, denn es spart Geld und über das Geld sind meist die besten Reaktionen zu erwarten.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

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